Über das Projekt
Warum?
Das Erkennen von gespielten Fehlern ist für Musiker*innen im Klassikbereich eine wichtige Fähigkeit. Sie wird gebraucht beim Proben und Unterrichten, besonders aber in Aufnahmesituationen muss das Aufnahmeteam sicher Schwächen benennen können, möglichst auch mit einer qualitativen Bewertung („Was ist passiert?“), damit die Fehler korrigiert werden können. Wie peinlich sind auf Tonträger verewigte Patzer oder Ungenauigkeiten, die man immer wieder hören muss…
Diese Anwendung versteht sich als Ergänzung zum klassischen Gehörbildungsunterricht, in dem kaum Fehlerhören im Ensemble trainiert werden kann.
Dazu wurden zahlreiche Ausschnitte aus Kammermusikwerken von Barock bis ins 20. Jahrhundert mit Profiensembles produziert. Diese Ausschnitte finden sich hier jeweils einmal fehlerfrei aufgenommen, sowie je ein bis zwei Takes mit gezielt eingebauten Fehlern. Sämtliche Fehler, die es in dieser Anwendung zu finden gilt, sind Intonationsfehler, also zu hoch oder tief gespielte Töne. Andere Fehlertypen (Rhythmus, Zusammenspiel, Lesefehler mit falschen Tönen etc.) kommen unter Umständen in den nächsten Jahren dazu.
Intonation ist sicherlich eines der schwierigsten Gebiete beim Fehlerhören und zugegebenermaßen gibt es in vielen Situationen keine absolute Wahrheit – außer vielleicht bei Oktaven und Quinten können Intervalle je nach Stimmungssystem und harmonischem Zusammenhang tiefer oder höher ausfallen. Siehe dazu das detaillierte und wohlüberlegte Lehrwerk von Doris Geller, Praktische Intonationslehre (Kassel, 1997).
Auf dieser Website sind die Fehler jedoch so produziert, dass sie eindeutig und lokalisierbar sind. Dennoch sind einige Beispiele sicherlich an der Obergrenze dessen, was noch wahrnehmbar ist. Deshalb ist dieses Archiv zum Selbststudium nur bedingt geeignet, obwohl sich bei Auflösung Hinweise zu der Art und Entstehung der Intonationsfehler finden. Der effektivste Einsatz dieses Hörarchivs wäre im Kleingruppenunterricht mit Lehrenden und Studierenden oder in der Diskussion innerhalb einer Gruppe von Hörenden – etwa in einer Mischung von Kammermusikerinnen und Tonmeisterinnen.
Gebrauchsanweisung
Sie finden die Liste aller Übungsbeispiele hier. Angegeben sind Komponist, Werktitel, Werkteil mit Taktzahl des Ausschnitts, Besetzung, Entstehungszeit sowie eine ungefähre Einordnung des Schwierigkeitsgrades. Die Entstehungszeit lässt sich nicht immer genau belegen, sie dient aber der Einordnung nach Epoche und Stilistik. Alle Kriterien können mit Filtern eingegrenzt werden, um die Suche nach gewünschten Beispielen zu erleichtern. Die Ausschnitte sind als Noten im Open-Source Format Verovio hinterlegt. Die Aufnahmen sind per Timecode mit den Partituren synchronisiert.
Der Schwierigkeitsgrad dient zur ungefähren Orientierung. Tatsächlich ist keines der Beispiele einfach im Sinne als für Anfängerunterricht in Gehörbildung geeignet! Einige Erfahrungen mit Fragestellungen der Stimmungssysteme und der Intonation sind in jedem Fall Voraussetzung.
Die Größe der Noten kann über das Lupenwerkzeug adaptiv angepasst werden. Der Listenbereich kann in drei verschiedenen Breiten angezeigt werden.
In einem ersten Schritt kann der Zeitpunkt gefundener Fehler markiert werden. Dies geschieht durch Klick auf eine Note in einer beliebigen Stimme. Die Anzahl der erklingenden Fehler ist angegeben. Sie können das gesamte Beispiel beliebig oft vollständig anhören als auch per Klick auf den Playbutton des Markers in der Liste ungefähr bei dem Zeitpunkt starten. Marker können beliebig oft eingefügt und entfernt werden. Den Markern werden Kennbuchstaben zugeteilt, die auch bei der chronologischen Sortierung beibehalten werden. Wenn Sie glauben, alle Fehlerstellen markiert zu haben, können Sie das Ergebnis überprüfen.
In einem zweiten, sehr viel schwierigeren Schritt, können nun die konkreten Töne in den jeweiligen Instrumenten markiert werden. Manche Fehler ziehen Folgefehler nach sich, dann genügt die Markierung einer Note der Fehlerkette. Sie können jede Markierung einzeln prüfen, sobald die Gesamtzahl an Fehlern markiert wurde, können Sie das Ergebnis prüfen und fehlende Markierungen anzeigen lassen. In der Liste erfahren Sie, ob die Abweichung nach oben oder unten erfolgte und ggf. stichwortartig weitere Informationen. Es erscheint auch ein Kommentartext, der die Problematiken des Beispiels benennt und damit eine weitere Beschäftigung anregt.
Wie oben gesagt handelt es sich hier um Übungsmaterial. Die Gründe der Fehler und Strategien zur Vermeidung sind Stoff für Diskussion, die am besten in der Gruppe oder einer Unterrichtssituation geführt wird. Zur Theorie der Stimmungssysteme und Intonation im Ensemble lesen Sie bitte weiterführende Literatur und Quellen.
Literatur und Internetquellen mit weiterführenden Informationen
- Doris Geller, Praktische Instrumentationslehre, Kassel: Bärenreiter, 1997
- David Bowman/Paul Terry (1993), Aural matters. A student’s guide to aural perception at Advanced Level, Mainz/London: Schott, 1993
- John Schneider, “Tampering with Nature – Playing in Unequal Temperaments”, in: 1001 Mikrotöne, Hrsg. Von Sarvenaz Safari u. Manfred Stahnke, Neumünster: von Bockel, 2015, S. 23-52
- Zahlreiche detaillierte Wikipedia-Einträge (dt. & engl.) zu Stimmungssystemen, Tonstruktur etc.
- Historische Website von Eberhard Sengpiel (Tonmeister, 1940-2014), darin http://www.sengpielaudio.com/Rechner-centfrequenz.htm